Srdjan Puhalo: „Worüber wir nicht am 09.01.2016 reden werden“

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Foto: Srdjan Puhalo

Am 09.01.2016 feiert Republika Srpska ihren Tag der Republik. Der bosnische Psychologe und Polit-Analytiker Srdjan Puhalo aus Banja Luka schreibt in seiner aktuellen Kolumne, weshalb der Feiertag eine Farce ist.

Republika Srpska ist Realität und das müssen Bosniaken, Kroaten und die internationale Gemeinschaft akzeptieren. Über Republika Srpska können wir denken, was wir wollen, können sie lieben oder hassen, in ihr leben oder nicht, können sagen, dass sie auf Völkermord oder Verbrechen gegründet wurde, denken, sie sei eine natürliche Reaktion auf die serbische Volksabstimmung über die Unabhängigkeit von Bosnien und Herzegowina im Jahr 1992, aber es ist unmöglich, sie abzuschaffen, bis Serben aus Republika Srpska dies selbst entscheiden.

Das Insistieren einiger bosniakischer Politiker, NGO-Aktivisten, Intellektueller oder der internationalen Gemeinschaft über die Abschaffung der Republika Srpska ist völlig sinnlos und kontraproduktiv, denn dies homogenisiert die Serben in Republika Srpska mehr und stärkt ihre separatistischen Ideen.

Und so ist es, ob es mir oder Ihnen gefällt oder nicht.

Auf der anderen Seite können wir zur Aussage der Premierministerin Zeljka Cvijanovic und anderer serbischer Politiker sagen, dass der „Tag der Republik – ein Tag aller serbischer Bürger“ unhöflich, herzlos und eine komplette Lüge ist. Republika Srpska war nie eine Gesellschaft für alle Bürger, sie sollte 1992 der Staat des serbischen Volkes werden und heute ist sie eine Entität der armen, apathischen und paranoiden Serben sowie aller restlichen Bürger, die die neunziger Jahre überlebt haben oder nach dem Krieg hier zurückkehrten, um hier zu leben.

Und so ist es, ob es mir oder Ihnen gefällt oder nicht.

Bei den bevorstehenden Feierlichkeiten zum Tag der Republika Srpska am 9. Januar werden weder Präsident Dodik, noch Premierministerin Cvijanovic, Matija Beckovic, die Opposition und einer der festlich gekleideten Gäste erwähnen, was einige ihrer Bürgerinnen und Bürger erleiden mussten, noch werden sie sich bei ihnen dafür entschuldigen:

  • Sie werden nichts über die Gräueltaten, die sich während der Zeit von 1992 bis 1995 in Prijedor, Doboj, Teslic, Kotor Varos, Brcko, Bijeljina, Zvornik, Visegrad und Foca ereignet haben, hören.
  • Sie werden nicht 30 000 bosniakische und kroatische zivile Opfer erwähnen, die im Namen der Republika Srpska getötet wurden.
  • Sie werden nicht 534 zerstörte Moscheen, 65 Pfarreien, 53 katholische Kirchen und acht Klöster seitens der Serben erwähnen.
  • Biljana Plavsic und Momcilo Krajisnik werden nicht als Kriegsverbrecher, und Kriegsverbrecher oder diejenigen, denen derzeit in Den Haag der Prozess gemacht wird, werden als Haager Versklavte, Märtyrer oder Helden bezeichnet werden.
  • Sie werden nicht Srebrenica mit oder ohne Völkermord erwähnen.
  • Sie werden keine Hilfe bei der Suche nach Massengräbern von fehlenden Bosniaken und Kroaten versprechen.
  • Sie werden nicht die Kennzeichnung aller Lager und Orte des Leidens der bosniakischen und kroatischen Zivilisten versprechen.
  • Sie werden Schülerinnen und Schüler nicht zu Tomasic, Korićanske Felsen auf dem Berg Vlasic oder Aljić Haus in Visegrad bringen, um ihnen vor Ort zu erläutern, was und warum es passiert ist.
  • Sie werden nicht zulassen, dass über das Leiden der Bosniaken und Kroaten beim Fernsehsender RTRS gesprochen wird.

Nichts davon wird bei der Zeremonie erwähnt werden, auch wenn dies Republika Srpska ist. Denkt daran, Brüder Serben aus Republika Srpska, eine so große serbische Fahne, die das alles verdecken und verstecken könnte, existiert nicht.

P.S.: Ich weiß, Ihr werdet sagen, dass der 09.01.2016 nicht der richtige Ort und die richtige Zeit für so etwas ist. Ich stimme überein, doch Brüder Serben, es sind seit dem Ende des Krieges schon 7300 Tage vergangen und irgendwie gab es nie die richtige Gelegenheit, darüber zu reden.

Die original Kolumne findet sich bei frontal.ba.

Srdjan Puhalo betreibt erfolgreich Social-Media, von dem sich jeder nationalistische Politiker auf dem Balkan wünschen würde, es würde ihn nicht geben. Er lebt mit seiner Familie in Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik in Bosnien-Herzegowina, das er als eine “bipolare Störung” empfindet. “Einfach mal herum labern” nennt er sein “Hobby”,  das er ausübt, wenn ihm langweilig ist. Seine kurzen Tweets und Kommentare, die meist aus einem einzigen Satz bestehen, enthüllen die ungeschminkte und teilweise brutale Wahrheit über den Alltag der Bevölkerung in zweigeteilten Bosnien-Herzegowina. So sind seine Aussagen wie ein Schlag ins Gesicht eines jeden Nationalisten des Landes.

Mehr zu Srdjan Puhalo in deutsch bei balkanblogger.com

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