Vladimir Stanisic aus Sarajevo: „Lasst uns in Ruhe mit unseren Nachbarn leben!“

Die sakralen Objekte der Kirche haben Macht. Der Schwarzwälder Pop-Art-Künstler erklärte dies in einem kürzlich gegebenen Interview anhand des Kreuzes: „Man nimmt zwei Äste, legt sie übereinander und sofort spürt man die Kraft, die von diesem Kreuz ausgeht.“

Solch ein Kreuz ist nun seit dem 21. September 2014 auf Zlatiste oberhalb von Sarajevo aufgestellt. Zwei einfache Metallstangen in Kreuzform thronen über der Stadt.

Doch von diesem gängigen Objekt geht eine umstrittene „Macht“ aus, denn seine Message an die Bürger Sarajevos ist klar. „Wir haben ein Mahnmal aufgestellt, damit es Gott und die Serben sehen können“, erklärt Branislav Dukic, Präsident vom Bund der Kriegsgefangenen-Opfer der Serbischen Teilrepublik. Es soll an die in Sarajevo 6500 getöteten Serben während des Balkankrieges erinnern.

Die Bürger von Sarajevo fühlen sich provoziert von diesem Objekt. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Ein veröffentlichter Brief in Facebook schlug die größten Wellen und erklärt klar und deutlich, weshalb das Aufstellen dieses Kreuzes so umstritten und von den Bürgern der Stadt nicht erwünscht ist.

Vladimir Stanisic (Foto: facebook)

Vladimir Stanisic (Foto: facebook)

Der Verfasser ist Vladimir Stanisic, ein orthodoxer Bürger der Stadt, der hier geboren wurde und sein ganzes Leben verbrachte. Seine Familie verließ die Stadt auch während des Krieges nicht. „Als ich erfuhr, dass dieses Kreuz für die orthodoxen Opfer des Krieges aufgestellt wurde, fühlte ich mich angesprochen und mit diesem Brief wollte ich klarstellen, dass dies nicht in meinem Namen passieren darf und ich mich davon distanziere“, sagt er in einem Interview im TV Talk bei FACE TV.

Sein Vater, sein jüngerer Bruder und er wurden im Krieg verletzt. Da war er 14 Jahre alt. „Ich dachte zuerst, uns würden Deutsche angreifen wie im Zweiten Weltkrieg, als es hieß, dass Krieg wäre. Wir wußte vor dem Krieg nicht, wer was ist, noch war dies von Belang“, erzählt er.  Sein Vater und er bekamen die Kugeln von den Scharfschützen der serbischen Armee ab, die von der Stelle, wo heute das Kreuz aufgestellt ist, auf die Bürger geschossen haben. „Ein wahrer Sarajevoer ist derjenige, den nicht interessiert, wer oder was du bist, sondern ein Bewohner von Sarajevo achtet darauf was für einen Charakter Du hast. Ich bin auch so erzogen worden, dass ich niemanden hasse, dass ich jeden so annehme wie er ist, dass ich nicht verurteile. Auch nach diesem Krieg nicht. Ich hasse nicht und ich habe keine Rachegelüste – ich will nur meine Ruhe haben und möchte, dass die Menschen endlich anfangen, das zu sein, was sie eigentlich sind: Menschen!“ Sein Vater kämpfte in der bosnischen Armee. Zusammen mit seinen moslemischen, katholischen, orthodoxen, atheistischen Kameraden verteidigte er die multikulturelle Stadt. Deshalb sieht Vladimir Stanisic das Kreuz als Provokation an. Es steht genau an dieser Stelle, von wo aus Scharfschützen auf die Bürger der Stadt schossen mit der Absicht sie zu töten. Dabei wurde nicht geachtet, welcher Religion sie angehörten oder auch keiner.

„Ich war nicht mutig, als ich dies geschrieben habe. Auch wenn ich meinen Namen und meine Adresse veröffentlicht habe. Jeder soll wissen, wer was sagt. Ich will mich nicht hinter einem Nickname verbergen. Auch ist Sarajevo eine Stadt, in der man sich nicht verstecken muss, vor allem nicht, wenn man die Wahrheit spricht“, erzählt er. „Als ich den Brief geschrieben hatte, habe ich ihn zwei Tage lang nicht veröffentlicht. Ich hatte Angst, dass er von gewissen politischen Gruppen für eigene Zwecke missbraucht werden könnte.“

Sein Brief setzte positive Energie in den Gang. Er bekommt viele berührende Kommentare von Orthodoxen, Katholiken, Moslems, Atheisten. „Doch dann fragte ich mich, ob es nötig war, solch einen Brief zu schreiben, damit dies passiert. Ich denke, dass die Menschen so etwas mehr in Öffentlichkeit bringen müssen.“ Und sie tun es auch. Viele Bürger mit orthodoxen Namen melden sich, erzählen ihre Geschichte. Sie erläutern ihre Abneigung gegen dieses Kreuz und gegenüber den Menschen, die es haben aufstellen lassen.

Vladimir Stanisic ist ein wahrer Bürger von Sarajevo. „Ich habe mir einfach alles von der Seele geschrieben und ich werde auch weiterhin schreiben, sobald ich das Verlangen danach verspüre.“

Dafür sind wir ihm dankbar.

Balkanblogger durfte diesen bewegten Brief, den er am 06. Oktober 2014 in Facebook veröffentlichte übersetzen.

https://www.facebook.com/dovla.rajvosa/posts/10204846823560641

 

Ich heiße Vladimir Stanisic, wohne in der Straße Aziza Sacirbegovic 12 im Stadtteil Hrasno von Sarajevo. Seit meiner Geburt am 30.07.1978 wohne ich hier. Auch während des Krieges und danach habe ich hier in Sarajevo gelebt.

Der Grund, weshalb ich mich nun melde, ist ein sehr einfacher: ich möchte die Wahrheit sagen und endlich meine Stimme gegen die Lügen und Unwahrheiten erheben, welche in letzter Zeit ihren Platz in diversen Medien fanden. Es geht um das Kreuz auf dem Berg Zlatiste in Sarajevo, welches ein Denkmal für die gefallenen orthodoxen Bürger in Sarajevo symbolisieren soll.
Nun, ich bin ein Zivilopfer des Krieges. Ich wurde am 25.12.1992 in meiner Wohnung schwer verletzt. Verwundet wurde ich seitens der Armee der Serbischen Republik, von einem Scharfschützen, der von einer der Positionen des Hrasno Berg, der unter serbischer Kontrolle war, und von wo aus uns die Scharfschützen den ganzen Krieg hindurch töteten.
Ich war 13 Jahre alt. Wir wurden verwundet und starben unabhängig unserer Religion und Ausrichtung – meine orthodoxen, katholischen, moslemischen Nachbarn – der Scharfschütze hat nicht ausgewählt.
Auch die Granaten haben nicht eine Auswahl getroffen. Hunderte Granaten fielen auf das Gebiet in Hrasno, wo heute das Shopping Center Robot steht, und Umgebung. Wir alle wurden verwundet und getötet, alle, die in Sarajevo geblieben sind. Verwundet wurden auch mein mittlerweile verstorbener Vater und mein jüngerer Bruder, was bedeutet, dass drei Mitglieder unserer fünfköpfigen Familie verwundet waren. Mit Rücksicht auf all das, was im Krieg passiert ist, muss ich betonen, dass diese Tragödie in meiner Familie klein und gering ist im Vergleich zu denen, wo ganze Familie durch eine einzige Granate den Tod fanden, wieder unabhängig davon, wie sie hießen und ihrer Religion.
Ich empfinde nun die Tatsache als absolut absurd, dass nun diejenigen, die uns in der Zeit von 1992 – 1995 getötet haben, ein Kreuz als Denkmal aufstellen, dafür, dass SIE uns töteten. Es ist bizarr, Denkmäler für die Menschen zu errichten, die sie töteten, es aber mi Geschichten über irgendwelche orthodoxen Opfer rechtfertigen, die angeblich durch unsere Bosnische Armee getötet wurden.

Nun, die wahre Tatsache, die keiner negieren kann, ist, dass die Bosnische Armee aus Bürgern aller Religionen bestand. Auch mein Vater, ein orthodoxer Bürger, kämpfte vom ersten Tag zusammen mit seinen orthodoxen, katholischen und moslemischen Freunden.
Er verteidigte mich, meinen Bruder, meine Mutter vor den Menschen, die auf uns schossen – Mitglieder der Armee der Serbischen Republik. Während dieser Zeit wurden wir, die orthodoxen Bürger, welche in der Stadt Sarajevo geblieben sind, von den Medien in der serbischen Teilrepublik als Verräter deklariert, die schlimmer waren als die Moslems. Sie nannten uns „Serben des Alija (Izetbegovic)“.
Und nun errichten sie diesen „Serben des Alija“ ein Denkmal? Wirklich? Das ist höchst bizarr. Stellen Sie sich vor, Hitler hätte nach 1945 Denkmäler für Juden errichtet. Wie hätten sie darauf reagiert?
Die Partei SDS (Serbische Demokratische Partei) hat ihren Mitgliedern Waffen gegeben, Mitglieder, die in der Stadt Sarajevo gelebt haben. Das ist bekannt. Ich hatte Nachbarn, die auf diese Weise zu Waffen bekamen – das wusste man und es war kein Geheimnis. Einige hatten sie nur aufgehoben und nicht benutzt, andere schossen von ihren Wohnblocks aus auf uns. Ja, ein Mann vom Nachbarhaus hat drei Monate lang Leute in meiner Straße getötet. Was mit diesem Mann passiert ist, weiß ich nicht – ich weiß nur, dass er verhaftet wurde. Doch wie die Geschichte endete, ist mir nicht bekannt. Mir ist bekannt, dass diejenigen, bei denen Waffen von der SDS gefunden wurden, zu einem Gespräch gebracht wurden, ihnen die Waffen weggenommen und dann freigelassen wurden. Einige sind in Sarajevo geblieben, einige sind zur anderen Seite rüber. Aber keiner von denen ist verschwunden geschweige getötet wurden, auch wenn bei ihnen Waffen gefunden wurden!
Das ist wichtig und muss wiederholt werden: keiner ist verschwunden, noch ist irgendeiner getötet worden, auch wenn ihnen Waffen gefunden wurden!
Wir haben von 1992 – 1995 genug mit unseren moslemischen und katholischen Nachbarn erlitten. Es stört mich nicht, dass ich ein „Serbe des Alija“ bin und nennt mich wie auch immer Ihr wollt – einen Verräter, Abtrünnigen. Findet einen Ausdruck, welchen Ihr wollt. Aber wir werden Euch nicht erlauben, dass Ihr Euch mit uns gleichstellt. Weil durch Euch floss unser Blut. Auf diese oder ähnliche Weise werden wir nicht zulassen, dass dies vergessen wird und so dargestellt wird, wie es nicht war, so wie Ihr gerade den Versuch startet, die Geschichte umzuändern.
Oh meine Herren, es reicht – Stop, so geht es nicht mehr weiter. Ich brauche Euer Kreuz nicht. Mir ist von Euch eine Kugel im Körper geblieben, die nicht entfernt werden kann.  Bei jedem Wetterumschwung erinnert sie mich an Euch. Es sind Spuren von Hunger, Angst geblieben. Mir sind Träume geblieben, in denen wir alle sterben, die mich seit 20 Jahren immer wieder einholen. Mir ist geblieben, dass ich mich beim Feuerwerk auf den Boden legen möchte. Es ist noch viel mehr geblieben.
Wir alle haben Traumata, die geblieben sind und wir brauchen kein Kreuz, das uns daran erinnert. Daher bitte ich Euch, auf menschliche und anständige Weise: Hört auf damit und lasst uns in Frieden – mich, meine Familie und vor allem diejenigen, die ihr nie dargestellt habt. Und bitte errichtet keine Denkmäler für uns, zündet für uns keine Kerzen an und betet nicht für uns. Das können wir alles ohne Euch, so wie wir es bis dato auch immer gemacht haben.
Lasst uns in Frieden mit unseren moslemischen und katholischen Nachbarn leben. Baut keinen Druck auf und begreift endlich, dass Ihr nicht die Orthodoxen in Sarajevo darstellt. Ihr stellt nicht mich, meine Ehefrau und mein Kind dar und auf diesem Wege möchte ich mich von Euch abgrenzen.

Hochachtungsvoll,

Vladimir Stanisic

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