Daniel Kerekeš von Balkan21: „Wir wollen ein echtes Bild des Balkans zeigen“

Das Logo von Balkan21

 

Balkan im 21. Jahrhundert. Laut der Nachrichten in Deutschland sieht es im Herzen von Europa schwarz aus. Nicht die Stimme des Volkes ist zu hören, sondern die der Regierenden. Nun, die Politiker sind die Stimme des Volkes, würden Sie sagen. Auf dem Balkan trifft dies nicht ganz zu. Es ist kompliziert. Denn die Politiker sind nicht solidarisch mit ihrem Volk. Und der Dayton-Vertrag tut sein übriges. So ist es auch mit den Nachrichten. Die Presse auf dem Balkan wird von den Politikern reagiert. Es gibt wenige Formate, die unabhängig sind und sich kritisch äußern trotz Drohungen. Die westlichen Medien bis auf einige Ausnahmen haben seit dem Balkankrieg schon lange dieses Gebiet in eine Schublade gesteckt und es ist schwer, es davon zu befreien.

Seit dem 01. September 2014 gibt es nun ein neues journalistisches Online-Format, das dem entgegentreten möchte. Balkan21 steht für „Balkan im 21. Jahrhundert“. Balkanblogger sprach mit Daniel Kerekeš, einem der Köpfe hinter dem neuen Format von „Die Freiheitsliebe“, einer Online-Plattform für kritischen Journalismus.

Was verbirgt sich hinter „Die Freiheitsliebe“?
Die echte 100 prozentig absolute Freiheit! Hehe, Spaß beiseite: Die Freiheitsliebe ist ein Online Portal für kritischen Journalismus. Sie ist 2009 aus der Idee heraus geboren, den Menschen eine Alternative zu Mainstream Medien zu bieten, die in regelmäßigen Abständen für Kriege Stimmung machen und die herrschende soziale Lage verteidigen oder die totale Überwachung herunterspielen. Die Freiheitsliebe soll ein alternatives Medium sein, das solche Lügen aufdeckt und eine Informationsquelle sein, die keine wirtschaftlichen oder politischen Interessen im Hintergrund hat sondern Freiheit, Frieden und Emanzipation.
Nun sind wir vier Redakteure seit über 5 Jahren Online und haben unsere BesucherInnenzahl auf ca. 1 Millionen BesucherInnen pro Jahr gesteigert. Wir bedienen ein breites Themenspektrum – über Antikriegsthemen, Balkan21, Feminismus, Umwelt, Musik, Film – auch in Form von Youtube-Videos, in denen wir kleine Interviews führen.
Unser Anspruch ist es, eine Alternative zur aktuellen Gesellschaft aufzuzeigen und nicht ihre Möglichkeit zu vereinen wie es die Mainstreampresse gerne tut. Deswegen bemühen wir uns auch sehr, soziale Bewegungen wie Blockupy, Occupy oder die Plenums-Bewegung in Bosnien in den Mittelpunkt zu stellen.

Wann kam die Idee für die Unterseite Balkan21?
Im Februar brachen in Bosnien soziale Unruhen aus, nachdem in Tuzla über mehrere Wochen ArbeiterInnen vor der lokalen Regierung gestreikt hatten. Ich hab das Ganze in Deutschland politisch aufgearbeitet und schnell Kontakt mit linken Gruppen und den entstandenen Räten gesucht und gefunden. Daneben habe ich mit einer Freundin aus Wien die Seite „Solidarität mit den sozialen Kämpfen in Bosnien und EX-YU“ auf Facebook ins Leben gerufen, die schnell fast 3.000 likes erzielte. Das brachte mich auf die Idee, dass scheinbar unter der Diaspora und politisch interessierten Menschen ein echtes Bedürfnis nach einer guten Seite und Quelle für Infos rund um den Balkan besteht.
Nun ja, und als Mensch mit jugoslawischen Hintergrund war ich natürlich schon immer für den Balkan und das ehemalige Jugoslawien zu begeistern. In der Diaspora begegnet man jedoch häufig einer gewissen nationalistischen Grundtendenz und diese fuckt mich gelinde gesagt an. Ich war schon immer Antifaschist und Antirassist. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man eine alternative Informationsquelle anbieten.
Der dritte Grund ist das schwarz-weiße Bild, das in Westeuropa und Deutschland über den Balkan herrscht. Auf der einen Seite böse, nationalistische Serben. Auf der anderen Seite europäische Slowenen und Kroaten. Und über die Vorurteile, die in Deutschland über Rumänien und Bulgarien herrschen, braucht man gar nicht erst anfangen: Diese sind ja bekanntlich massiv. Um diese Vorurteile abzubauen und ein „echtes“ Bild des Balkans zu zeigen, war eine weitere Intention für Balkan21.

Wie wird sich Eure Berichterstattung über den Balkan von den anderen Medien im deutschsprachigen Raum unterscheiden?
Dass wir keine Vorurteile, rassistische oder nationalistische Ressentiments bedienen wollen und dass wir auch alternativen Gruppen von der Halbinsel selbst ein Medium geben wollen. Schließlich kann der Balkan mehr als Nationalismus und religiösen Fundamentalismus.
Auch im Vergleich zu den Diaspora-Medien wollen wir den Schwerpunkt nicht auf die vorherrschende Rhetorik legen, sondern Sachverhalte hinterfragen und Alternativen aufzeigen.

Euer Wunschziel mit der Berichterstattung?
Möglichst viele Menschen erreichen und Vorurteile gegenüber den Menschen des Balkans abbauen! Wir wollen am Ende das Bild des nationalistischen Serben, faulen Griechen und des Hartz IV schnorrenden Bulgaren zerstören. Außerdem möchten wir den Menschen in Deutschland auch die Kultur Südosteuropas näher bringen: egal ob Musik, Kunst oder Literatur – es gibt so viel, was in Deutschland völlig unbekannt ist.
Wer weiß, vielleicht schaffen wir es, uns als ein größeres Infoportal für diese große Region zu etablieren. Man darf jedenfalls träumen. Was natürlich auch toll wäre, wenn wir die verstreuten Aktivisten und Journalisten mit Balkan-Wurzeln zusammenbringen könnten, um an einem Strang zu ziehen.

Weshalb ist es für jeden Europäer wichtig, in den Balkan zu reisen?
Der Balkan ist einfach ein genialer Melting Pot – er ist der Ort, wo Orient und Okzident zusammenstießen. Und das merkt man heute immer noch: in Sprache, Musik oder Essen. Diese Erfahrung, dass viele kulturelle Ursprünge bereichernd sind und nicht zu der in Deutschland beschworenen „Überfremdung“ führen, ist genial. Außerdem muss sich jeder einmal durch den Balkan gegessen haben: sei es Bifteki, Cevapcici oder Fischsuppe, auf dem Balkan schmeckt es einfach am besten.
Ach ja, meine absolute Lieblingsmannschaft spielt in Belgrad: Roter Stern! Jeder, der Fußball liebt sollte einmal live ins Marakana in Belgrad. Ich bekomme da auf jeden Fall immer Gänsehaut – ein absolutes Muss.
Ich bin zudem der festen Überzeugung, dass nur enger Kontakt mit Menschen, gegenüber denen man Vorurteile hegt, diese auch abbauen kann. Und ich kenne keine Region in dieser Welt, die so verdammt gastfreundlich ist. Daher traut euch und fahrt los!

http://diefreiheitsliebe.de/balkan21

 

Über Daniel Kerekeš:

Daniel Kerekes ist 1987 als Sohn jugoslawischer Eltern in Deutschland Geboren. 2007 – 2014 studierte er Geschichte, Religions- und Politikwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Duisburg-Essen. Seit 2012 veröffentlichte Daniel Kerekes in unterschiedlichen Magazinen und Zeitungen, wie bei Marx21, Unsere Zeit, Essener Morgen und war von 2013 bis 2014 freier Redakteur der im Ruhrgebiet wöchentlich erscheinenden Studierendenzeitung Akduell. Seit 2013 ist er Mitarbeiter von Niema Movassat (MdB DIE LINKE) und Landessprecher der Linksjugend [‘solid] nrw. Er ist Redakteur bei der Freiheitsliebe und schreibt dort seit 2012 mit den Schwerpunkten Südosteuropa, Internationales, Religion und Umwelt. 2014 gründete er das Portal Balkan21, welches kritische Analysen, Hintergründe und Nachrichten einem breiteren Publikum auf deutscher Sprache zugänglich machen soll.

1 Kommentar »

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s