Danke Großvater – Hvala Dide!

Mein Großvater

Mein Großvater

„Es ist was schreckliches passiert. Dein Großvater ist gestorben.“ Es gibt Tage, von denen man hofft, dass sie nie kommen würden. So war es auch mit dem 23. März vor knapp drei Wochen. Es war Sonntag und seit einigen Tagen hatte ich vor, meinen Großvater in Sarajevo anrufen, um seine Stimme zu hören und ihm Neuigkeiten zu erzählen. Erst einige Zeit später an diesem Tag wurde mir klar, dass mein Großvater die Welt für immer verlassen hatte. Er verbrachte 91 Jahre seines Lebens auf dieser Welt. Der Arzt bestätigte, dass mein Großvater friedlich eingeschlafen sei.

Heute, am 12. April 2014, hätten wir seinen 92. Geburtstag gefeiert.

Großvaters Wunsch war es, neben unserer Großmutter beerdigt zu werden. Sie starb vor 22 Jahren, kurz bevor der Krieg in Bosnien ausbrach. Sie fand ihre letzte Ruhestätte in der bosnischen Stadt Doboj, heute in der serbischen Teilrepublik gelegen. Opi wollte nicht religiös begraben werden. Er war Atheist und kämpfte mit Tito gegen die Faschisten im 2. Weltkrieg. Zwar stammt er aus einer islamischen Familie, doch er gehörte keiner Religion an und würde es auch niemals tun. Der Friedhof in Doboj ist moslemisch, meine Großmutter war katholisch. Vor dem Krieg war es kein Problem, dass Verstorbene einer anderen Religionsangehörigkeit hier beerdigt wurden. Nach dem Krieg hat sich das geändert. Eine andere islamische Gemeinschaft hat die Verwaltung übernommen. Wir zündeten manchmal Kerzen an ihrem Grab, diese wurden mit Gewalt entfernt. Man sendete Signale, dass die Verstorbenen, die nicht dem moslemischen Glauben angehörten, hier nichts zu suchen haben. Meinem Großvater war es nicht gegönnt, neben seiner geliebten Ehefrau die letzte Ruhestätte zu finden. Es wurde unserer Familie mitgeteilt, dass der eigentlich resevierte Platz neben ihr schon besetzt sei. Dass es im Islam nicht üblich sei, nebeneinander begraben zu werden. Dass auf einem islamischen Friedhof eine nichtislamische Beerdigung unmöglich sei. Ein Imam würde definitiv die Zeremonie abhalten. Man halte sich an die Regeln. In einem Land, in denen die Regeln für menschenwürdige Angelegenheiten nie eingehalten werden, aber in religiösen und ethnischen Fragen schon.

Meine Mutter beschloss, unseren Großvater in Sarajevo zu beerdigen, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Wir entschieden uns für den neuen Stadtfriedhof, in dem alle Religionen ihren Frieden finden. Auch die Atheisten. Und Tito-Anhänger. Das Beerdigungsinstitut kümmerte sich um alles. Unsere Familie kam aus ganz Bosnien und Deutschland zusammen. Auch wenn er ein schönes Alter erreicht hatte und uns bewusst war, dass wir sehr lange mit einem Vater, Großvater und Urgroßvater gesegnet waren, fiel uns allen der Abschied sehr schwer. Großvater war bis zum Schluss ein Gentleman. Es war ein wundervoller Abschied. Meine Schwester hat, wie er sich das gewünscht hatte, die Abschiedsrede verfasst und sie tapfer gehalten. Wir weinten, auch die Floristin, die gerade des Weges kam. Sie sprach meine Schwester nach der Beerdigung an, um ihr zu sagen, dass sie diesen Augenblick nicht vergessen wird. Zusammen mit einer Postkarte, auf der die jugoslawische Fahne abgebildet war und wir alle unseren persönlichen Abschiedsworte an ihn geschrieben haben, legten wir sie in seinen Sarg. Eigentlich sollte mein Onkel die Rede übernehmen. Er hatte auch die Abschiedsrede für meine Großmutter verfasst. Doch er starb vor einigen Jahren nach einer kurzen schweren Krankheit. Das war furchtbar für meinen Großvater. Damals sagte er, dass es besser gewesen wäre, man hätte ihn geholt, da er schon ein stolzes Alter erreicht hätte. Mein Onkel war ein sehr ruhiger und liebenswerter Mensch. Und kreativ. Er hatte am 23.März Geburtstag, der Tag, an dem unser Großvater starb.

Am Tag der Beerdigung war Regen angesagt. Während der Zeremonie öffnete sich der Himmel und die Sonne schien. Der Regen fiel erst, als sich alle Familienmitglieder voneinander verabschiedet und den Friedhof verlassen haben. Mein Vater erzählte uns, wenn während der Beerdigungszeremonie die Sonne scheint und danach Regen fällt,  dann ist das laut dem Islam ein Zeichen dafür, dass der Verstorbene im Paradies aufgenommen wurde. Opi war jetzt bei unserer Großmutter und meinem Onkel, mit dem er nun seinen Geburtstag feiern konnte.

Die nächsten Nächte ließ mein Vater das Licht auf der Terrasse die ganze Nacht an. Meine Mutter fragte ihn, weshalb er dies tue. Es ist so ein Brauch im Islam, sagte er uns, das Licht wird dem Verstorbenen den Weg ins Paradies leuchten.

Ruhe in Frieden, liebster Opa, Du wirst uns fehlen.

Wir Enkelkinder mit unserem geliebten Großvater

Wir Enkelkinder mit unserem geliebten Großvater

Der Abschiedsbrief meiner Schwester beschreibt einen großartigen Mann, von dem wir viel gelernt haben. Dafür sind wir ihm unser Leben lang dankbar.

1922 in Satrovici bei Rogatica  geboren. Bis zum achtzehnten Lebensjahr konntest Du die Natur von Bosnien und Herzegowina genießen. Deine Jugend verbrachtest Du als Partisane im 2. Weltkrieg. Nach dem Krieg hast Du beschlossen, weiterhin Deiner geliebten Heimat als Soldat zu dienen. Schwarzes welliges Haar, Augen so blau wie das Meer, groß gewachsen und stolz, so hatte Dich Deine zukünftige Frau Ilona im Jahre 1950 auf einer Feier in Loznica gesehen. Es war Liebe auf dem ersten Blick und kurz darauf fand die Hochzeit statt. In die glückliche Ehe brachte Ilona Tochter Marina mit und kurze Zeit später wurden Ida und Nadja geboren.

Die gute alte Zeiten hast Du bis zum Ende Deines Lebens wie einen wertvollen Schatz in Dir getragen. Du warst ein Mensch ohne Vorurteile und Du hast alle gleich geliebt: Deine Ilona, Deine drei Töchter, sechs Enkelkinder und sechs Urenkel. Du hast eine Lebensgeschichte, schöner als sich irgendein Film erzählen könnte – eine Geschichte der Freude und der Trauer, eine Geschichte glücklicher und trauriger Tage. Der Tag, an dem Deine geliebte Ilona starb. Der Tag, an dem Jugoslawien zerfiel. Der Tag der Flucht mit den Enkelkindern, ohne zu wissen, wo der Weg hinführen würde. Einige Jahre verbrachtest Du mit Deinen Töchtern und Enkelkindern in Deutschland,  traurig und verloren, aber dankbar dafür, dass Du Deine Allerliebsten um Dich hattest. Die Rückkehr in die neue, alte Heimat war schwer.

Du bist nicht nach Doboj zurückgekehrt, weil ein Heim ohne Ilona gab es für Dich nicht! Den letzten Teil Deines Lebens wolltest Du im Altenheim in Sarajevo verbringen. Du wolltest niemandem zur Last fallen, auch wenn wir uns alle gewünscht hatten, dass Du bei uns bleibst. Du standst aber hinter Deinen Entscheidungen und wir mussten dies akzeptieren.

Ab 1999 standen die Besuche beim Großvater, Vater, Schwiegervater, Bruder im Altenheim an vorderster Stelle. Wir brachten Geschenke, Lebensmittel, Fotos mit. Wir haben stundenlange Gespräche geführt (auch über Telefon), so dass Du konstant bei uns warst, auch wenn wir so weit weg von Dir waren.  Und nun, nach 92 Jahren Lebenszeit hast Du für immer Deine Augen geschlossen. Uns bleibt die Gewissheit, dass

  • keiner solch ein Gentleman bis zum letzten Tag war wie Du
  • keiner solch eine innere und äußere Schönheit besaß wie Du
  • keiner solch ein stolzer Soldat war wie Du
  • keiner so schön lachen konnte wie Du.

Opa,

  • Du bist unser Frühstück, wenn wir Tee mit Honig trinken
  • Du bist unser Mittagessen, wenn wir Polenta essen
  • Du bist unser Abendessen, wenn wir ein Stückchen Schokolade essen
  • Du bist unser Stofftaschentuch, wenn wir weinen.

Deine Kinder sind Dir unendlich für eine wunderschöne Kindheit und die Erinnerungen dankbar, die für immer mit uns sein werden.

Danke, dass Du aus jedem einzelnen von uns einen besseren Menschen gemacht hast. Du hast uns gelehrt, dass das Leben Disziplin, eine perfekte Organisation und Ordnung abverlangt. Du hast dieses Land geliebt, zu dem Du heute zurückkehrst. Wir hoffen, liebster Großvater, dass Du nicht allzu traurig von uns gegangen bist.

Wir, Deine Pioniere, werden weiterhin Deine jugoslawische Nostalgie leben. Bis zu dem Tag, an dem wir uns wieder treffen werden, an einem wunderschönen Ort, über den wir nichts wissen, aber auf den wir hoffen.

Meine Großeltern Osman und Helena

Meine Großeltern Osman und Helena

Den letzten Wunsch von Großvater werden wir erfüllen. Noch dieses Jahr wird seine geliebte Ilona und unsere geliebte Oma neben ihm gebettet werden. Denn wir wissen: Wahre Liebe kann nicht getrennt werden, weder zu Lebzeiten noch über ihren Tod hinaus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s