Zuco, eine tierische Weihnachtsgeschichte… oder wie ein bosnischer Vierbeiner nach Deutschland kam

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Wer kann diesem Blick widerstehen? Zuco ist nun ein glücklicher Hund, der eine liebevolle Familie in Deutschland gefunden hat (Foto: Lisa Hinze)

Familie Tanovic aus Sarajevo treffen den Vierbeiner jeden Tag vor ihrer Haustür. Ein liebenswerter  Hund, der Menschenfreund ist trotz seines Schicksals des Daseins eines Strassenhundes. Da der Rüde ein hellbraunes Fell hat, haben ihm die Bewohner seines Reviers den Namen „Zuco“ gegeben, was soviel wie „gelbbrauner Hund“ bedeutet. Alles ändert sich, als Strassenhunde von Bosnien und Herzegowina eingesammelt und in eine Auffang-Station gebracht werden, unter ihnen auch Zuco.

Zu diesem Anlass führen die angeblich viele Angriffe auf Passanten in den Straßen der Großstädte. Im Internet kursieren Bilder von Bewohnern mit schrecklichen Bissverletzungen, darunter auch von schwer verletzten Kindern. Stimmen wurden laut, dass alle Hunde ohne Besitzer von den Straßen verschwinden sollen. Falls sich innerhalb von 15 Tagen kein Besitzer finden sollte, sind sie zur Euthanasie frei gegeben.

Die Medien auf dem Balkan berichten nur noch über dieses Thema, man schaukelt sich gegenseitig hoch. Es schien, dass Bosnien und Herzegowina nur dieses Problem in Land hätte – böse und aggressive Hunde, die der Bevölkerung das Leben in der Stadt schwer machen. Die wirklichen Probleme im Land sind vergessen: hohe Arbeitslosigkeit, korrupte Politiker, Ultranationalisten. Es gibt fast keinen Bosnier, der sich nicht darüber in Facebook oder Twitter äußert. Auch die Kommentare unter den Berichten sprechen für sich. Womit wohl keiner gerechnet hat: eine sehr große Anzahl der bosnischen Bevölkerung stellt sich hinter die Tiere: man organisiert Demos und Proteste, trifft sich zur Fütterung  und Ausführen der Tiere, die Tierheimen leben, sucht einen Platz für die lieben Vierbeiner. Die Aktivisten bekommen Unterstützung der Veterinäre, die sich weigern, gesunde Tiere grundlos einzuschläfern. Man sprach sich dafür aus, nur gegen aggressive Tiere vorzugehen. Bald werden die Tierfreunde auch zur Zielscheibe: man wirft ihnen vor, Gelder für unnütze Tiere zu gebrauchen, während die Kinder Bosniens hungern müssen, usw. Die Tierfreunde machen weiter ihre Arbeit und organisieren sich weiterhin über Facebook und Email-Verkehr, um Hunde zu vermitteln.

Vesna Tanovic mit Zuco

Vesna Tanovic mit Zuco

So auch Familie Tanovic. Für sie war der Verlust von Zuco unerträglich. Sie setzten alles auf die Beine, um den Hund zu finden. Es stellte sich heraus, dass er in das berüchtigte Auffanglager mit dem treffenden Namen „Gladno Polje“  (übers. „Hungriges Feld“) in Sarajevo gebracht wurde. „Das Auffanglager kann man nicht beschreiben. Wir wussten nicht einmal, wo es sich genau befindet, nur so viel, was Google Maps ausspuckte“, erzählt Vesna Tanovic. „Wir erreichten ein Gebäude, das verlassen aussah, doch auf dem Hof befanden sich sehr viele Hunde. Einige Männer, die sich dort unterhielten, erklärten uns den Weg zum Lager. Als wir ankamen, umkreisten Hunde unseren Wagen, einige davon hatten eine Marke im Ohr. Am schlimmsten war die Lage im Gebäude: Boxen mit Hunden überfüllt. Egal wie sehr einer Hunde liebt, die Angst ist groß, das Gebäude zu betreten. Es hielt sich nur ein einziger Mann darin auf, der den Tieren eine nicht definierbare Konsistenz zum Essen vorwarf. Ich muss gestehen, dass mir der Mann Leid tat, denn sein Arbeitsplatz ist alles andere als angenehm. Der Gestank war fürchterlich. Und dennoch gab er sich alle Mühe und war sehr freundlich und fürsorglich gegenüber den Vierbeinern – aber er ist nur einer, der so viele zu umsorgen hat – eine ausweglose Situation.“

Auffanglager Gladno Polje: er wartet noch auf seine Rettung

Auffanglager Gladno Polje: er wartet noch auf seine Rettung

Senad Rosic hat vor drei Jahren illegal ein Asylheim für Hunde gegründet: „Ich hatte 150 Hunde zu versorgen, sie hatten jeden Tag was zu essen und waren medizinisch versorgt, denn ich wurde von Europa unterstützt“, erzählt Rosic. „Allerdings gefiel dies der Behörde gar nicht. Projekt „ASYL“ für Hunde haben sie nur eingerichtet, um Budgets auf Kosten der Strassenhunde zu bekommen, aber es nicht dafür auszugeben. Nun ist die Situation katastrophal: es gibt kein Wasser und kein Strom in den Heimen, die Angestellten kommen unregelmäßig und wenn sie doch mal da sind, schütten sie zwei Säcke altes Brot auf das Gelände, denn die Boxen stehen alle offen.“ Auch das Gesetz zur Tötung der Strassenhunde ist ein Vorwand der Politik: „Was die sporadischen Angriffe anbelangt, kann ich folgendes dazu sagen: der Großteil der Hunde sind im privaten Besitz, werden aber öffentlich als Strassenhunde deklariert. Für die Gemeinden ist es nun eine Last, sich mit dem Problem auseinander zu setzen. Es müssten Tierheime errichtet werden, was mit Geldausgaben verbunden ist. Und das wollen sie vermeiden.“

Senad Rosic aus Bihac

Senad Rosic aus Bihac

Es bedurfte einer Odyssee, um Zuco frei zu bekommen. Nur durch die Hilfe einer Person, die nicht genannt werden darf, konnte Familie Tanovic Kontakt zum Direktor des Auffanglagers aufnehmen, der ihnen die Bestätigung zur Freigabe von Zuco gab. „Die Situation erinnerte mich an den Balkankrieg und die KZ-Lager in Bosnien – wer Geld und Kontakte hatte, konnte gerettet werden und somit überleben“, erzählt Vesna Tanovic. Zuco ist einer der glücklichen. Der Vierbeiner wurde in eine Hundepension gebracht und es kümmerten sich einige Familien um ihn, bis sich ein Zuhause finden sollte.

Thomas Dornbusch mit Zuco

Thomas Dornbusch mit Zuco

Thomas Dornbusch von Hunde Mobil in Berlin arbeitet seit April letzten Jahres mit Tierschützern in Sarajevo zusammen. Er hörte von Zucos Schicksal von einer Bekannten, die den direkten Kontakt herstellte. Schon vier Hunde aus der bosnischen Hauptstadt hat er vermittelt und einen selbst behalten: „Alle paar Wochen treffe ich mich mit den Aktivisten. Ich sammle Spenden in Form von Futter, Leinen, Halsbändern, Geld usw. und übergebe sie den Tierschützern. Die Hunde, die sie aus Sarajevo mitbringen, nehme ich auf, wenn ich eine Stelle gefunden habe.“

Zuco bei Familie Hinze

Zuco bei Familie Hinze

So kam Zuco kurz vor Weihnachten nach Deutschland. Eine Familie aus Bayern hat beschlossen, ihm ein neues Zuhause zu geben.: „Ich habe Zuco bei Sanja auf der FB-Seite gesehen und mich sofort in ihn verliebt. Im Kommentar stand geschrieben, dass er noch am gleichen Wochenende nach Deutschland kommen könnte, falls sich ein Zuhause für ihn finden würde. Ohne groß nachzudenken, habe ich mich gemeldet,“ erzählt Lisa Hinze, die neue Mama von Zuco. „Nach ein paar Telefonaten mit Thomas und Chatten mit Sanja hieß es nur noch Tage zählen, bis wir nach Berlin fahren konnten.“  Lisa ist glücklich mit ihrem neuen vierbeinigen Familienmitglied: „Zuco ist ein liebenswürdiger, anhänglicher und freiheitsliebender Schmusehund. Er ist sehr lernbegierig, liebt es zu toben und zu rennen. Erstaunlicherweise hat er viel Vertrauen in den Menschen, obwohl er in seinem kurzen Leben nicht nur Gutes erlebt hat.“

Zuco geniesst sein neues Leben

Zuco geniesst sein neues Leben

Lisa kann das Gesetz zur Tötungsfreigabe nicht akzeptieren: „Ich kann nicht verstehen, wie Menschen so grausam und herzlos sein können! Anstatt vorhandene Hunde zu töten, sollten Handel und Zucht besser kontrolliert werden. Kaum ein privater Hund ist kastriert, und wenn man ihn nicht mehr haben möchte, setzt man ihn aus…“

Familie Tanovic befürchtet, dass es schwer sein wird, den Kampf gegen die Behörden zu gewinnen, daher möchte sie zusammen mit anderen Volontären aus Bosnien „schnell so viele Tiere wie möglich von der Strasse wegbringen, um sie zu retten.“

Senad Rosic aus Bihac gibt nicht auf:“ Das Gesetz zur Tötungsfreigabe ist eine politische Schande. Doch der Staat wird Probleme mit uns bekommen, denn so schnell werden wir uns nicht in die Knie zwingen lassen. Die Tiere haben keinen Mentor, der für sie spricht, außer uns ehrenamtliche Volontäre, die für sie in diesem unseligen und ausgemergelten Land kämpfen werden, in der die Moral an letzter Stelle steht.“

Franziskus von Assisi  sagte einst: „Es werden mehrere Jahrtausende von Liebe nötig sein, um den Tieren ihr durch uns zugefügtes Leid heimzuzahlen!“ Er sollte bis zur Gegenwart Recht behalten. Die unermüdlich ehrenamtliche Arbeit der Tierschützer hätte ihm gefallen.

Wer einem Hund aus Bosnien ein warmes Zuhause oder Spenden für die Vierbeiner geben möchte, melde sich bitte bei:

http://www.hunde-mobil.de/

2 Comments »

  1. Danke für deinen Bericht. ich selber habe seit September eine Hündin aus einer russischen Auffangstation und bin sehr froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Ich hatte schon öfters Hunde aus Tierheimen, das lief immer gut. Diesmal ist es nicht ganz so einfach, aber es wird täglich besser, ich denke, der Hund hat zuviel Schlechtes erlebt. Aber sie ist trotzdem sehr lieb und meist auch anhänglich. Ich würde solche Hunde aber keinem im Umgang mit Hunden unerfahrenen empfehlen, man kann zu leicht was falsch machen, und es steckt manchmal sehr viel Arbeit mit drin.
    lg Marlies

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