„BEBOLUTION“ in Bosnien und Herzegowina – irre Politik gefährdet das Leben von Kindern

Tausende Protestanten aus allenTeilen des Landes besetzen das Parlament in der bosnischen Hauptstadt

Tausende Protestanten aus allen Ecken des Landes besetzen das Parlament in der bosnischen Hauptstadt. Foto: Fedja Stukan/Facebook.com

Ein kleines Mädchen liegt im Krankenhaus und benötigt dringend eine Stammzelltransplantation. In Deutschland ist solch eine Behandlung möglich und gleich durchführbar. Auch das Mädchen hätte sofort in einem deutschen Krankenhaus behandelt werden können. Doch das war im Falle der kleinen Belmina Ibrisevic aus Bosnien und Herzegowina nicht einfach, um gar zu sagen unmöglich. Denn sie durfte aus ihrem Heimatland aufgrund irrer politischer Bürokratie nicht ausreisen.

Ein Bild von der kleinen Belmina hängt an einer Hauswand in Sarajevo. Sie war der Auslöser für die Proteste gegen die bosnische Regierung.

Ein Bild von der kleinen Belmina hängt an einer Hauswand in Sarajevo. Foto: Jim Marshall/Facebook.com

Belmina ist kein Einzelfall. Mehr als 1500 Neugeborene teilen dasselbe Schicksal, denn nach dem neuen Gesetz existieren sie für den bosnischen Staat als Personen faktisch nicht. Es geht um die Vergabe der JMBG, in Deutschland als Personalidentifikationsnummer bekannt. Ohne den Erhalt dieser ID-Nummer kann kein Reisepass ausgestellt werden und ohne Reisepass ist auch keine Ausreise möglich.

Vor einigen Monaten wurden die ID-Nummern in Bosnien und Herzegowina für ungültig erklärt, denn sie umfasst nicht die beiden Entitäten (serbische Teilrepublik und Föderation). Als am 12. Februar 2013 die Umsetzung des neuen Gesetzes auslief, wurden keine Dokumente für Neugeborene ausgestellt, da die alte ID-Verordnung nun rechtswidrig war.

Ein Schnuller wurde zum Symbol gegen die irrationale Politik

Ein Schnuller wurde zum Symbol gegen die irrationale Politik. Foto: Facebook.com

Nationalistisches Gedankengut der Politiker wird weiter politisch vorangetrieben

Zusammenfassend bedeutet dies folgendes: seit Februar werden keine ID-Nummern an neugeborene Bosnier vergeben, weil die unterschiedlich nationalistisch geprägten Politiker nicht imstande sind, ein Gesetz zu verabschieden, das beide Seiten zufrieden stellt. Im Vordergrund steht nicht das Wohl der bosnischen Bürger, sondern der Kampf der Entitäten und somit der Religionen. Nationalistische Politiker versuchen auch zwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges, ihr ideales Bild von Bosnien und Herzegowina nun auf der Verwaltungsebene zu erreichen. Ihr Kampf um die Teilung des Landes wird fortgesetzt. Rechtsradikales Gedankengut soll Bosnien und Herzegowina von der Landkarte verschwinden lassen. Dieses wird zusätzlich durch das Dayton-Abkommen möglich gemacht, denn dieses erlaubt, dass eine der drei ethnischen Staatstragenden, bzw. der beiden Entitäten, Gesetze per Veto blockieren können, wenn diese die Rechte des jeweils anderen beschneiden. Die serbische Teilrepublik möchte ein unabhängiger Staat werden und die Kroaten sind bis heute darüber verärgert, dass der Dayton-Vertrag ihnen kein Teil von Bosnien und Herzegowina nach dem Krieg überlassen hat. Auch müssen sich laut dem Gesetz nach Dayton die Bewohner des Landes als bosnischer Serbe, bosnischer Kroate oder Bosniake identifizieren, d.h. nach der Zugehörigkeit ihrer Religion. Einen „Bosnier“ ohne Konfession gibt es laut Dayton nicht, eine Tatsache, die viele Bosnier verärgert, da im Land neben den drei großen genannten monotheistischen Religionen auch eine große jüdische Gemeinschaft seit etwa 600 Jahren im Land beheimatet ist, sowie etliche Stämme der Roma und Sinti.

„Ich brauche keine Ethnie, sondern Identität!“

Fast zwanzig Jahre hat sich die bosnische Gesellschaft dieser Schikane der unfähigen Politiker und auch der internationalen Politik unterworfen, noch geschwächt und resignierend durch den brutalen Balkankrieg, der von 1992-1995 in der Region herrschte. Die Menschen wollten in Frieden und in Freiheit leben – eine Freiheit, die sie per se bis heute nicht hatten.

Jim Marshall/Facebook.com

Jim Marshall/Facebook.com

Das Fall von Baby Belmina weckte den Kampfgeist der Bevölkerung, welcher fast zwei Jahrzehnte im Dornröschenschlaf versunken war. Als der Online-Nachrichtendienst klix.ba am 05.06.2013 über das Schicksal des kleinen Mädchens berichtete, war der Protest groß. Die Menschen zogen friedlich zum Parlament, um ihren Unmut gegen die unfähigen Politiker zu äußern und schlossen die Parlamentarier für 12 Stunden ein. Die Menge vor dem Parlament wurde immer größer und auch der Versuch der Politiker, die Ethnien gegeneinander aufzuspielen, misslang. Am 11.06. 2013 kamen Tausende aus allen Teilen des Landes zu den Protesten. Sie verlangten eine schnelle Regelung der JMBG-Nummern und die Aufhebung der Einteilung der Bürger in Ethnien, nach dem Motto: „Ich brauche keine Ethnie, sondern Identität.“

"Ich möchte keine Ethnie, sondern Indentität!"

„Ich möchte keine Ethnie, sondern Indentität!“ Foto: Jim Marshall/Facebook.com

Social Media als Sprachrohr weltweit nutzen

Über Social Media werden die Proteste weltweit unterstützt. Fotos mit beschrifteten Plakaten u.a aus Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik von Bosnien und Herzegowina, Mostar aus Herzegowina, und anderen Ländern weltweit, wie Serbien, Kroatien, Monte Negro, USA, Deutschland, Schweiz, Österreich, Südamerika werden bis heute hoch geladen und sichern ihre Unterstützung zu. Seite an Seite kämpfen Bosniaken, Serben und Kroaten auf den Straßen gegen die jahrelange Ungerechtigkeit und möchten der Welt signalisieren, dass sie eine gemeinsame Zukunft im Land anstreben ohne ethnische Teilung. Plakate wie „Wir sind Bosnien und Herzegowina“ stärken das Gefühl und ihren Kampf gegen die Diskriminierung der Neugeborenen und ihrer Herkunft.

Jim Marshall/Facebook.com

Jim Marshall/Facebook.com

Proteste erfolgreich – Belmina bekommt vorübergehende ID-Nummer

Einen ersten Erfolg konnte die Protestbewegung verzeichnen. Baby Belmina bekam eine vorübergehende ID-Nummer und somit auch einen Reisepass. Am 12.06.2013 reiste sie mit ihrer Mutter und der behandelnden Ärztin nach Deutschland, wo sie die Transplantation in einem Krankenhaus bekommen wird.

Belmina kam vor drei Monaten in Gracanica, Bosnien und Herzegowina zur Welt. Bei der Geburt wurde eine schwere Immunkrankheit diagnostiziert. Schon damals wurde den Eltern erklärt, dass ihr Kind durch eine Behandlung, wie sie in Deutschland durchgeführt wird, wieder gesund werden könnte.

Erstes Todesopfer – Mädchen ohne ID-Nummer stirbt im Krankenhaus

Die Proteste gehen weiter. Gerade heute Abend kamen einige tausend Menschen vor dem Parlament zusammen, um das erste Opfer dieser Gesetzgebung zu betrauern. Sie machen die Unfähigkeit der Politiker für ihren Tod verantwortlich.

Tausende Menschen haben sich heute Abend  vor dem Parlament versammelt

Tausende Menschen haben sich heute Abend vor dem Parlament versammelt. Foto: Fedja Stukan/Facebook.com

Die kleine Berina Hamidovic wurde am 17.03.2013 in Sarajevo geboren. Auch sie besaß keine ID-Nummer. Es wurde bekannt, dass die Stadt einen Betrag über 800 € der Krankenkasse nicht sofort frei gab für die Behandlung im Ausland, obwohl sie dies gesetzlich hätte tun müssen. Die Fahrt von Sarajevo in ein Belgrader Krankenhaus geriet ins Stocken, da der Krankenwagen aufgrund des fehlenden Reisepasses der kleinen Patientin nicht die Grenze nach Serbien passieren durfte. Als Berina in das Krankenhaus der serbischen Hauptstadt eingeliefert wurde, traten weitere gesundheitlichen Probleme auf. Die Ärzte konnten ihr leider nicht mehr helfen. Das Mädchen verlor ihren Kampf gegen die Krankheit am 13. Juni 2013 in Belgrad.

3 Comments »

    • Es ist nun zu spät. Damit es nicht weiter passiert hilft auch kein Plakat
      mit der Aussage JBMVMQ Schimpfen,Beschuldigen bringt nur weitere nicht im Ausmaß absehbare Resignation. Wo waren wir alle ?

      Es sollte ein Grundgesetz geben. Wie es hier in Deutschland etwa beispielsweise die Regel ist…Verweis: siehe § 1 – 6 Dt.Grundgesetz.
      Alle Gesetze sollten Nichtig sein, Ausreise gewährleistet, im Fall von Gesundheitsfragen.

      Die Ethik. Wo ist sie hin?

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