Jim Marshall und Sarajevo – seine Fotos erzählen Geschichte

Jim Marshall

Jim Marshall

Am 05. April 1992 begann die Belagerung der Stadt Sarajevo, die 1425 Tage dauerte. Sie ging somit als die längste in die Geschichte des modernen Europa ein. Trotz Lebensgefahr begaben sich, neben zahlreichen einheimischen, viele ausländische Fotografen wie James Nachtwey, Ron Haviv oder Annie Leibovitz, in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, und dokumentierten die Geschehnisse in Bildern, die das Leid der Bevölkerung erzählten und die Gräueltaten des Feindes zeigten. Noch heute werden die Fotos weltweit veröffentlicht.

Jim Marshall aus Glasgow erreichte 1994 Bosnien und Herzegowina. Der gebürtige Schotte entschloss sich zu dieser Reise, um traumatisierten Kindern und Jugendlichen zu helfen. Anfang 1995 reist er in die belagerte Stadt Sarajevo. Er ist erschüttert, was der blutige Konflikt mit der Stadt und ihren Bewohnern anrichtet. Doch er ist auch fasziniert von den  Menschen, die sich von Scharfschützen und Granatwerfern nicht in die Knie zwingen lassen.

Marshall beginnt zu fotografieren. Er lichtet die lieb gewonnene Stadt und die ihr zugefügten Wunden ab. Seine Fotos zeigen die mutwilligen Zerstörungen von wirtschaftlichen Einrichtungen, geisterhafte Ruinen von Prachtbauten und historischen Gebäuden. Dazwischen die Menschen der Stadt, tapfer und lächelnd. Seine Fotos dokumentieren die Zeit kurz vor der Kriegsende und danach. Es sind Bilder, die einerseits den Betrachter sein Blut in den Adern gefrieren lassen, andererseits geben sie auch Mut, weil sie aufzeigen, dass der Geist und die Seele der Stadt ungebrochen sind. Vor allem in Bildern, die in den letzten 15 Jahren aufgenommen wurden, wird dies ersichtlich. Marshall kehrt immer wieder zu den fotografierten Orten zurück und dokumentiert nun ihre “Auferstehung”. Sie erblüht im neuen Glanz, ihre Bewohner beseitigen die Zerstörungen und bauen wieder alles auf.

Foto: Jim Marshall

Foto: Jim Marshall

Eines seiner dokumentierten Monumente ist  “Vjecnica”, das Alte Rathaus von Sarajevo.  Das 1896 eröffnete Wahrzeichen der Stadt sticht durch seinen pseudo-maurischen Stil hervor.  Sie gilt  als der repräsentativste und größte Bau, das unter der österreichisch-ungarischen Regierungszeit auf dem Balkan entstand. Ab 1949 wurde im Rathaus die National- und Universitätsbibliothek untergebracht.

Der Feind der Stadt war nicht nur darauf aus, die Bevölkerung zu töten, um nicht gar zu sagen “auszurotten”, er hatte sich auch zum Ziel gemacht, die bosnische Geschichte auszulöschen. Durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch wurde dieses erreicht, indem man das Wissen eines Volkes direkt angriff. Eines der ersten Ziele war die Nationalbibliothek:  1,5 Millionen Bücher und mehr als 155.000 seltene nicht ersetzbare Schriftstücke und Manuskripte, datiert aus dem Altertum bis hin aus der Moderne, fielen gänzlich dem Feuer zum Opfer, das am 25.08.1992 durch den Feind gelegt wurde. Bibliothekaren und Bewohnern gelang es, unter Gefahr einige Exemplare zu retten, darunter auch die berühmte Haggadah von Sarajevo.

Die brennende Bibliothek und der Asche-Regen traumatisieren die bosnische Bevölkerung. Sie wussten, dass der Krieg ihnen nicht nur das Leben nehmen möchte, er möchte sie ihrer kulturellen Existenz berauben. Bücherverbrennung ist mehr als nur materieller Verlust, das hat die Vergangenheit gezeigt. Es ist die unwiderrufliche Verwüstung und das Auslöschen der Gedanken und des Erlebten einer ganzen Epoche der Menschheitsgeschichte.

20 Jahre später, Ende 2012, wird die Vjecnica enthüllt und in ihrem neuen Kleid der Stadt präsentiert.  Sarajevo hat das Wahrzeichen einer ihrer vielen geschichtlichen Epochen wieder. Die Restaurierungen sind fast abgeschlossen, Eröffnung ist für 2014 geplant.

Jim Marshall

Jim Marshall

Als Marshall das erste Mal vor der Bibliothek steht, sieht er nur das erbärmliche Gerüst von Ruinen. Nur einzelne Details lassen erkennen, was für ein Prachtbau hier gestanden haben muss. Er fotografiert sie nach ihrer Ankunft und in den folgenden Jahren ihrer Restaurierung, verhüllt von Gerüst und Schutztüchern. Nach ihrer Enthüllung geht er sie wieder besuchen und macht Fotos, welche den gewonnenen Kampf der Bevölkerung und der Stadt widerspiegeln.

So wie Jim Marshall sich damals von ihr in ihren schwierigen Zeiten gut aufgenommen fühlte, bietet sie ihre Gastfreundschaft bedingungslos jedem Besucher und Neuankömmling an. Nur ihre Seele, die lässt sie sich von niemandem nehmen. Marshalls Fotos von den letzten 15 Jahren beweisen es. Er hat die Stadt seit seiner Ankunft nicht mehr verlassen und lebt immer noch dort.

Mehr Fotos der Stadt Sarajevo von Jim Marshall sind in einer Dauerausstellung in der Galerie „Boris Smoje“  in Sarajevo, Radiceva Ulica, ausgestellt. Marshall schenkte eine Auswahl seiner Bilder der Stadt am 06.04.2013 zu ihrem Geburtstag und nennt sie “There is a light that never goes out”.

10 Comments »

      • Das mache ich sehr, sehr gerne, ich war erst einmal in Bosnien, in Mostar und ich war schwerst beeindruckt.
        Bin ich vom ganzen Land, soweit ich es halt bisher bereist habe.

      • Das Besondere an Bosnien ist, dass es wirklich an jedem Eck etwas zu entdecken und zu geniessen gibt!

        Also sei gespannt:-))

        Bis dahin, geniesse die Fotos und Geschichten über das wundervolle Land, die Balkanblogger auch in Zukunft posten wird:-))

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