„Paradajz – der Film“: Wenn eine Tomate die Welt bedeutet

Saudin Becirevic in der Garage, in der er viele Einträge in den Tagebüchern geschrieben hat

Saudin Becirevic

Saudin Becirevic ist 18 Jahre alt, als der Krieg in Bosnien und Herzegowina ausbricht. Von einem Tag auf den anderen existiert der normale Alltag nicht mehr: er kann nicht in die Schule gehen, seine Freunde verlassen die Stadt. Er bleibt alleine zurück und zieht in den Krieg – einen skrupellosen Krieg.

Um alles zu verarbeiten, beginnt er, Tagebücher zu schreiben. Er schreibt über Gefühle und über die Farce, die ein Krieg mit sich bringt: man versucht nur zu überleben, das Leben selbst ist nichts mehr wert. Was zählt, sind Freunde, die er in der schweren Zeit kennen lernt, und mit denen er alles erlebt und teilt. Und er schreibt über den Mann, der ihm zum Geburtstag die einzige reife Tomate schenkt. Die Tomate bedeutet Saudin alles. Ein Objekt, das in unserem Leben von kleiner oder gar keiner Bedeutung ist, ein Symbol, das die zukünftige Denkweise und somit auch die Lebenseinstellung verändern kann.

Als sein bester Freund stirbt, bricht eine Welt für ihn zusammen, obwohl der Tod immer und überall zugegen ist. Er schreibt über die verlorene Jugend, nicht nur seinerseits, sondern auch auf feindlicher Seite. Das Feindbild in seinen Büchern ist nie der Soldat auf der anderen Seite, sondern der Krieg selbst. Seine Einträge sind wie ein kalter Schlag ins Gesicht eines jeden Politikers, der an seinem sicheren Schreibtisch sitzt und von da aus die Geschenisse wie ein Henker lenkt.

Nach dem Krieg beginnt er seine Erlebnisse in einem Blog zu verarbeiten (http://boreokoociju.blogger.ba). Es wird der meist gelesene Blog auf dem Balkan. 2007 veröffentlicht er den ersten Teil seiner Tagebücher in einem Buch („Bore oko očiju – Dnevnik bosanskog vojnika“ übers. „Falten um die Augen – Tagebuch eines bosnischen Soldaten“), 2010 erscheint der zweite Teil („Na putu u nepoznato“ übers. „Auf dem Weg ins Unbekannte“). Saudin wird die Vorstellung seines zweiten Buches nicht mehr miterleben können. Er stirbt am 20.11.2009 nach einer kurzen schweren Krankheit.

In seinen Tagebüchern beschreibt er eine Situation, in welcher seine beiden Freunde ihn fragen: „Was wünscht Du Dir im Falle Deines Todes: ein Buch oder ein Film über Dich?“ Er antwortet: „Beides.“

Szene aus dem Film

Szene aus dem Film

Die Bücher hat er uns selbst hinterlassen. Den Film bekommt er nun auch. Zusammen mit dem Verleger der Bücher Jasminko Halilovic hat die Hamburger Produktionsfirma „San Production“ unter Regie von Sabina Sidro einen dokumentarischen Spielfilm anhand der Aufzeichnungen aus dem ersten Teil der Tagebücher gedreht. Es ist ein Film entstanden, der den Wahnsinn des Krieges widerspiegelt und die Hilflosigkeit eines jungen Mannes, dem seine besten Jahre des Lebens genommen werden. Es ist ein Film, der zum Denken anregt und nichts an seiner politischen Aktualität verloren hat. Auch heute befinden sich viele junge Männer in derselben Situation weltweit, die ihr Soldatendasein in Frage stellen. Saudin bemerkte treffend in seinen Aufzeichnungen: ‚Der Mensch hat Waffen erfunden, die ein Leben nehmen können, aber er hat keine entwickelt, die auch Leben schenken kann…‘

Die Premiere des Films findet am Samstag, den 15.09.2012, um 20.00 im SARTR Theater in Sarajevo statt (Adresse: Gabelina 15/71000 Sarajevo).

Link zum Trailer: http://vimeo.com/48485495

Mehr zum Film unter: http://www.paradajzfilm.com

Plakat

10 Comments »

  1. Reblogged this on fremdewelten und kommentierte:
    Ein sehr interessanter Artikel über den Film „Paradajz“. Ein sehr guter Blog, den ich allen empfehlen kann, die sich für den Balkan, das Leben dort und das Leben in der Diaspora interessieren.
    Absolut empfehlenswert!

  2. Wieso steht am Bild oben SabinE und im Film auch? Sie heißt doch SabinA. Schämt sich da jemand seines Namens? Oder hat den deutschen Namen angenommen?

    • LIebe Ajla,

      Sabina heisst Sabina mit A und schämt sich ihres Namens und ihrer Herkunft nicht.
      Das Plakat ist in bosnischer Sprache verfasst und übersetzt heisst die Passage:
      „Ein Film von Sabina Sidro“, d.h. die Endung E weist auf einen Dativ hin (von + Dativ)
      Bei deinem Namen würde es lauten:
      „Film AjlE…“
      Ich hoffe, ich konnte Dir weiterhelfen:-))
      Grüße

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