„Ich danke Gott, dass Du den Krieg nicht miterleben musst“ – Briefe aus Sarajevo und Zaostrog 1992 – 1996 (Teil 1)

Lebenszeichen aus dem BalkankriegEin Panzer fährt durch Sarajevo und Menschen laufen davon – dieses Bild war das erste, was ich im Fernsehen sah, als die Belagerung der Stadt am 05.04.1992 seinen Anfang nahm. Ich war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt und begriff im ersten Moment nicht, was dies zu bedeuten hatte.

Bis dato war Sarajevo für mich meine zweite Heimat, in der ich zwei Mal im Jahr meine Ferien mit größter Freude verbrachte. Schon Wochen vor der Abreise war ich so aufgeregt, dass ich kaum schlafen konnte. Ich würde meine Freunde und Verwandte treffen, die mich auch sehnlichst erwarteten. Das wußte ich, weil wir regelmäßig via Telefon oder Briefen Kontakt pflegten. Und in allen Gerüchten und Geschehnissen war ich somit eingeweiht. Ich hatte ein „Leben im Leben“, denn die Briefe aus Jugoslawien machten den schulischen Alltag erfreulicher und steigerten meine Vorfreude bis zur Abreise noch mehr.

Als ich die ersten Bilder von Toten in Sarajevos Strassen sah, wurde mir bewusst, dass die geliebten Reisen in die Heimat nicht mehr möglich waren. Und ich musste plötzlich befürchten, dass unter den Opfern auch Verwandte und Freunde sein könnten und ich sie nie wieder sehen würde. Eine Angst, die ich vorher noch nie im meinen gut behüteten Leben empfunden hatte.

Anfangs kamen noch Briefe von meiner besten Freundin und manchmal konnte auch eine telefonische Verbindung aufgebaut werden. Wie konnte ein Klingelton einem das Leben versüßen! Doch irgendwann war Schluss damit. Ich hatte das Gefühl, dass mir ein Leben weggenommen wurde. Eine Leere breitete sich in mir aus und ich wurde innerlich wahnsinnig. Oft griff ich nach dem Hörer und versuchte Verwandte und Freunde zu erreichen, aber ausser einem endlosen Besetzt-Zeichen kam nichts. Briefe nach Jugoslawien konnten per Post nicht mehr verschickt werden.

Dass es mir nicht gut ging, zeigte die schnelle Verschlechterung meiner Noten in der Schule. Ich hatte keine Kraft mehr für irgendetwas und mit 16 Jahren fragt man sich, ob das Leben überhaupt einen Sinn macht. Zumindest konnte nicht der Sinn darin liegen, dass meine geliebten Freunde und Verwandte um ihr Leben kämpfen müssen, und wie Vieh abgeschlachtet werden. Mir ging es immer schlechter, je mehr ich in den Fernseher starrte und die unzähligen Toten auf den Strassen von Bosnien sah.

Meine Eltern versuchten alles, um Hilfe nach Bosnien zu schicken. Sie sammelten Spendengelder, kauften davon Lebensmittel, Babynahrung, Medikamente, hygienische Artikel und schickten diese mit organisierten Lastwägen in das Kriegsgebiet. Geld wollten sie nicht verschicken, aus Angst, dass es in falsche Hände geraten könnte. Auch mein Gymnasium beteiligte sich an den Sammlungen und es kam immer einiges zusammen. Zwei von drei Transporten kamen an, einer wurde von Kriegsverbrechern aufgehalten und einbehalten. Immerhin kamen die Lastfahrer unversehrt davon. Meine Mutter holte meine beiden Cousins, damals 10 und elf Jahre alt, und meinen Großvater aus Bosnien ab, damit sie während des Krieges bei uns in Deutschland bleiben können. Meine Tante und mein Onkel saßen in Bosnien fest.

Ihre Ankunft bei uns verschaffte mir Erleichterung, da sie mir wieder ein Stückchen meines verlorenen Lebens wieder brachten und es war schön zu wissen, dass zumindest sie in Sicherheit waren.

Mami und Papi hatten alles gut im Griff und organisierten das Leben mit drei weiteren Familienmitgliedern mit Bravour, sowohl emotional wie materiell. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie viel Kraft es sie gekostet hatte, die sich mit Liebe aufbrachten. So teilten wir uns zu siebt eine 75 m² Wohnung, was wunderbar klappte.

Dann kam der erste Brief meiner besten Freundin aus Sarajevo, verschickt aus Kroatien. Es war August 1992.

„Sehr lange hast Du keinen Brief von mir empfangen. Ich musste mein Haus verlassen, weil ich all das nicht mehr ertug, was in Hrasnica (Am Stadtrand von Sarajevo gelegen) passierte. Granateneinschläge von Morgens bis Abend, dauerhafte Aufethalte in den Kellern, ohne Strom und ohne Wasser. Sitzend im Keller, hatte ich viel Zeit zum Überlegen und ich dachte über viele Dinge nach, sogar auch darüber, ob Du Dich noch an mich und an Hrasnica erinnerst. Ich denke Du erinnerst Dich noch an uns, stimmt’s? Gleich muss ich Dir eine traurige Nachricht melden. Ich habe eine sehr guten Freund verloren und es war auch Dein Freund, ALE. Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie traurig ich darüber bin.“

Der erste Brief nach so langer Zeit, der mir einerseits Freude brachte, denn er war ein Lebenszeichen eines geliebten Menschen, und andererseits beschämte er mich, weil ich die Freicheit besaß, mich schlecht zu fühlen über den Krieg, während meine Freunde und Verwandte ums Überleben kämpfen mussten. Ich weinte bitterlich und fühlte mich immer schlechter aufgrund meiner Machtlosigkeit gegenüber diesem ungerechten Krieg.

„Jetzt bin ich in Zaostrog (in Kroatien)…Ich hatte viele Probleme, bis ich in Kroatien angekommen bin. Zuerst liessen sie uns nicht durch, mussten 60 km Umweg fahren, eine Nacht im freien verbringen und erst am nächsten Tag sind wir angekommen. Wir fuhren über den Igman (Berg von Sarajevo), mussten einen Teil des Weges zu Fuß nehmen, Safija, Medina und ich (sie mit ihren beiden Schwestern), und Mami und Papi kamen dann mit dem Auto nach. Ich hatte solche Angst, denn es war dunkel, und nur die serbische Seite hatte Licht. Und du wartest, dass sie eine Granate werfen. Aber wir erreichten glücklich und unversehrt die Hauptstrasse. Als wir mit dem Auto fuhren, wurde auf uns geschossen mit irgendwelchen Feuer-Patronen und Granaten. Wir hätten alles sterben können, aber wir fuhren mit hoher Geschwindigkeit. In Hrasnica habe ich Ängste ausgestanden, so dass ich mich hier erst einmal an den Frieden gewöhnen muss. Die Welt in Europa unternimmt nichts, dass der Krieg beendet und das Töten der Bevölkerung gestoppt wird. Hättest Du bloss die Möglichkeit gehabt, die Menschen zu sehen, welche über die Berge flüchteteten, um von ihnen zu hören, wie ihnen alles verbrannt wurde, sowie deren Familien und Freunde abgeschlachtet und getötet wurden. Dein Leben hätte kein Sinn mehr. Kinder weinen und alte Menschen tragen ihr Hab und Gut in Tüchern, ihr ganzes Leben eben. Ich danke Gott, dass Du den Krieg nicht miterleben musst.“

Ich war total überfordert von dem Brief und musste lernen, seinen Inhalt zu verarbeiten. Es war wie ein schlechter Traum, der nicht zu Ende gehen wollte. Und da war es wieder, dieses machtlose Gefühl, nichts tun zu können, ausser warten und hoffen!

Ich war nicht im Krieg und musste nicht um mein Leben kämpfen, aber ich musste damit klar kommen, dass meine Freunde und Verwandte starben und ich nichts dagegen tun konnte!

Das einzige was wir versuchen konnten, war Pakete zu schicken. Meiner Freundin in Kroatien und ihrer und unserer Familie in Sarajevo.

„Meine Neue Adresse steht auf dem Umschlag, und ich hoffe, dass Du mir schnell antworten wirst, denn ich erwarte Deinen Brief. Grüße Deine Familie und viele Grüße an Dich von Deiner Freundin, die Dich nicht vergessen hat! Schreib mir!“

(Ende Teil 1)

8 Comments »

    • Hallo Amir,

      großen Dank!

      Ich habe sehr viele Briefe bekommen, auch direkt aus dem Kriegsgebiet. Geplant sind noch zwei weitere Teile.

      Noch einmal großen Dank und Danke, dass Du den Blog liest und weiter folgen möchtest!

  1. Liebe Mirella, danke dass du das alles aufschreibst.
    Zaostrog kenne ich im Übrigen, das ist ein weiter Weg aus Sarajevo 😦

    Deinen GEmütszustand, gerade in dem Alter, kann ich mir lebhaft vorstellen,..ganz ganz schrecklich.

    Bin schon gespannt auf die weiteren Berichte, liebe Grüße Sina

    • Liebste Sina,

      danke für deinen rührenden Worte!

      Dieser Blog erschien im Jahre 2012, als sich der Anfang der Krieges zum zwanzigsten Mal jährte. Ich verfasse eben dein zweiten Teil, da ich denke, dass die Worte eines Menschen, der den Wahnsinn miterlebt hatte, uns vor Augen führt, wie grausam Krieg ist. Es sind nicht Worte nur aus Bosnien, es sind die eines jeden Menschen, der aktuell im Krieg unfreiwillig leben muss.

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